12.08.2006
Leipziger Volkszeitung zum Bundesliga-Start
Leipzig (ots) - Bevor Bier und Flips angekarrt werden, stehen
elementare Fragen an. Schlüpfen Klose, Kahn und Poldi via Kabel,
Satellit, Internet oder gar nicht ins Wohnzimmer?
Gehört man zu den
drei Millionen, die im neuzeitlichen Tal der Ahnungslosen wohnen? Die
Herren der Deutschen Fußball Liga (DFL) haben die Medienrechte der 36
Lizenzvereine für die Rekordsumme von 442 Millionen Euro vertickert,
seitdem offenbar ein Teakholz-Brett vorm Kopf. Verquere DFL-Denke:
Wenn sich ganz Deutschland fragt, wo Fußball übertragen wird, ist das
doch wunderbar, spricht fürs Produkt! Und wem das alles zu stressig
ist, kann ja Sportschau gucken. Damit der Start in eine
unübersichtliche TV-Ära kein Rohrkrepierer wird, geht Sat.1 heute
zeitgleich mit dem neuen Rechteinhaber Arena ran. Man weiß ja nie.
Wer das Dribbling vorbei an Decodern, Receivern und
Kabelanschlüssen geschafft hat, darf sich einem wahrhaft zentralen
Punkt widmen. Wie viel WM, wie viel Klinsmann lässt das Tagesgeschäft
Bundesliga zu? Klinsis Erbe ist kein leichtes, die
Halbfinal-Teilnahme suggerierte den Eindruck: Wir sind wieder wer!
Wer wären wir eigentlich, wenn sich Lehmann gegen Argentinien
verlesen hätte? Wenn es nach dem Ex-Bundestrainer geht, muss sein
Gesamtkunstwerk "WM 2006" deckungsgleich umgesetzt werden. Schnell,
offensiv, dominant und systemsicher auf dem Platz. Daneben sorgen
Heerscharen von Experten fürs Wohlbefinden.
In der Liga regt sich Widerstand. Haudegen wie Felix Magath, die
Laktat-Tests als modernen Blödsinn abkanzeln, weisen auf den Umstand
hin, dass die Klubs ab und an auswärts spielen müssen. Und das von
Klinsmann installierte Betreuerteam sei für ein Projekt wie die WM
machbar, ansonsten unbezahlbar. Nun kann man geteilter Meinung sein,
ob die Spieler 21 bis 26 oder weitere Experten geholt werden müssen.
Fraglos gibt es aber nur wenige Klubs, die unabhängig von
Wochenend-Ergebnissen ihrer Überzeugung, ihrer Philosophie folgen.
Beispielsweise Bremen, das unter Thomas Schaaf seit Jahren den
attraktivsten Fußball spielt. Das kleine Mainz kommt nur mit Fitness,
Begeisterung und Systemsicherheit an Punkte. Gleiches gilt für das
noch kleinere Cottbus.
Die Philosophie der großen Bayern? Kaufen die Bundesliga leer,
liefern alle Jubeljahre ein begeisterndes Spiel, werden ständig
Meister - und klagen über internationale Ungerechtigkeit wegen
Geldmöpsen wie Abramowitsch. Kahn & Co. sind in den vergangenen
Jahren nicht an der übermächtigen Konkurrenz aus Chelsea oder
Mailand, sondern an sich selbst gescheitert. Das Aus in der Champions
League gegen Milan war ein taktischer Offenbarungseid, nichts
anderes. Klinsmann wagen bedeutet: An allen, auch an taktischen
Stellschrauben drehen. Visionen vorleben. Auch Laktat-Tests. Die
kosten fast nix.
Übrigens: Das von Premiere und Telekom als revolutionär gepriesene
Internet-TV lässt sich tatsächlich empfangen. Momentan von rund 50
Haushalten. Bundesweit.
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